Wenn man eine Ortschronik schreibt darf ein Kapitel über den Ortsnamen und dessen Herkunft und Entwicklung nicht fehlen. Eine umfangreiche, oft wochenlange Recherche ist unumgänglich. Im Herbst 2021 beschäftigte ich mich für die Ortschronik Thumling mit diesem Thema.
Zunächst fand ich zum Ortsnamen Thumling folgende Informationen
- im Historisches Ortsnamenbuch von Niederösterreich:1
.… die älteste bekannte Nennung Chunich von 1276 (Quelle: GB XI, S. 463) - im Buch „Die Siedlungsnamen des südlichen Waldviertels“:2
Urk.: 1276 Chunich (GB XI, 463), ..
Etym.: vermutlich OrtsN slaw(ischer) Herkunft, dessen Ansatz aber mangels früher Nennungen unsicher ist.
- im St. Pöltner Diözesanblatt, Geschichtliche Beilagen fand ich diese zitierte Urkunde „GB XI, S. f463“ im Volltext:3
1276, tertio Nonas Januarii (3. Jänner), Kloster Melk, beurkunden
Otto, Elisabet und Petrissa, die Kinder des verstorbenen Ludwig von
Zelkingen, daß die Güter in Ossenstrauch, welche der Kirche in Melk
gehören und zu Lebzeiten ihres Vaters gleichsam ohne Grenzen waren,
nach ihrer Vereinbarung mit dem Abte Gerung und dem Kloster Melk
folgende Güter umfassen solle, die ihnen der Abt zu Lehen geben
mußte: Edelsperge, Pocheslage, Lozenruote, Chunich, Ulreichslage
mit allen zugehörigen Gütern, Wäldern und Wiesen. Inseriert auch die
Urkunde König Ottokars von 1274.
Siegler: Die Aussteller und ihr consobrinus Herr Hertnid von Lichtenstain.
Zeugen: Die Herrn Heinrich von Chunring, Marschall und Capiteus von Oesterreich,
Otto von Haslawe, Otto von Perchtolczstorf, Vlrich von Pilichdorf, Stephan von
Myßowe, Liupold von Ghassengange (wohl Sachsengange), Wernhard HewsIer,
Ministerialen Oesterreichs; dann die Herrn Otto von Meczlin - weiters in der „Heimatkunde des politischen Bezirkes Pöggstall“:4
„Thumling (…). Der Name lautet 1276 Chunich, scheint also mit ahd. kuning, Nachkomme eines edlen Geschlechtes oder König, zusammenzuhängen.“ - und in „Die Etymologie der niederösterreichischen Ortsnamen“:5
„Thumling, (…) mundartlich: owadumliŋ, unta- .
Urk.: 1276 Chunich (GB XI, 463), (…) Etymologisch: vermutlich OrtsN(ame) slaw(ischer) Herkunft, dessen Ansatz aber mangels früher Nennungen unsicher ist.“
Mir kam es seltsam vor, dass im Jahr 1274 der Ort Chunich genannt wurde, und etwa 350 Jahre später Thüming in den Grundbüchern 1628 bis 1710 bzw. Thuming/ Dumming/ Dumbing/ Tummig/ Tumling (alles Schreibweisen in den Matriken der Pfarre Pöggstall 1628 bis 1642) hieß.
Schlussendlich bin ich auf der Webseite monasterium gelandet und habe auch die in den Geschichtlichen Beilagen erwähnte Urkunde vom 3. Jänner 1276 hier 1276 I 03 gefunden.6
„Chunich“ ist das letzte Wort in der 8. Zeile, ist der erste Buchstabe wirklich ein „c“? Oder ein „t“?

Ich habe dann ähnliche Anfangsbuchstaben wie „c“ und „t“ gesucht und verglichen, zum Beispiel „Chunring“ in „Die Herrn Heinrich von Chunring“. Für mich als Laie im Mittelalterliche Schrift-Lesen war da keine Ähnlichkeit!

Dann – in der letzten Zeile, das 3. letzte Wort – ich konnte es leider nicht deuten/lesen, allerdings gleicht der erste Buchstabe dem von „chunich/_t_hunich“, oder?

Ich schrieb an das Archiv des Stiftes Melk meine bisherigen Rechercheergebnisse, sowie meine Interpretationen bezüglich des „c“ und „t“ und ersuchte um Unterstützung. Ich bekam eine sehr positive Rückmeldung mit einer vagen Aussage zu meiner „c“ und „t“ Theorie. Die Antwort endete mit:
Empfehlen können wir diesbezüglich außerdem eine Kontaktaufnahme mit Univ.-Prof. Mag. Dr. Meta Niederkorn. Vielleicht kann sie weiterhelfen.
Wer mich kennt, der weiß es – ich nahm mit Univ.-Prof. Mag. Dr. Niederkorn Kontakt auf, und ihre Antwort lautete:
Ihre Lesung Thunnich (das zweite n kommt vom Kürzungsstrich!) – ist diejenige, der ich zustimme.
Die Regesten auf Monasterium wurden mitunter unter sehr großen Zeitdruck gemacht-aufgrund der Beilage im Diözesanblatt – die nicht immer ganz zuverlässige Arbeiten bringen- kontrolliert wurden die Texte in der Regel nicht mehr.
Meine Freude war riesengroß!
Der nächster Schritt war die Korrektur der Abschrift im monasterium.net, welche ich zu Beginn des Jahres 2022 vornahm.
Unter Kommentar fügte ich ein:
Frau Univ.-Prof. Mag. Dr. Meta Niederkorn (Institut für Geschichte der Universität Wien) stimmt der Lesung Thunnich (bisher Chunich) zu; 01.12.2021
Ein schöner Recherche-Erfolg, damit konnte ich in der Ortschronik schreiben:
Im Jahre 1276 wird Thunnich (Thumling) erstmals urkundlich erwähnt, dies ist auch die älteste bekannte Nennung.
Quellen:
- NÖLA, Signatur: AB: C-0185-Bd2, Heinrich Weigl, Historisches Ortsnamenbuch von Niederösterreich. Band 2:D/T-G,
1965, S. 81 ↩︎ - Elisabeth Schuster: Die Etymologie der niederösterreichischen Ortsnamen, Teil 1, A-E [T gleich mit D behandelt],
Wien 1989, S. 447 ↩︎ - DASP, St. Pöltner Diözesanblatt, Geschichtliche Beilagen, Band 11, 1932, S. 463 ↩︎
- Alois Plesser: Heimatkunde des politischen Bezirkes Pöggstall, 1928; S. 299f ↩︎
- Elisabeth Schuster: Die Etymologie der niederösterreichischen Ortsnamen, Teil 1, A-E [T gleich mit D behandelt], Wien 1989,
S. 447, zitiert ihre eigene Wiener Diss. von 1981: Die Siedlungsnamen des südlichen Waldviertels, Band 2, S. 270. ↩︎ - Melk, Stiftsarchiv Urkunden (1075-1912) in: monasterium.net, URL </mom/AT-StiAM/MelkOSB/1276_I_03/charter> ↩︎
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